Der Titel der Platte macht deutlich: Hier handelt es sich um einen Soundtrack zur Krise. „Black Clouds & Silver Linings“ heißt das neue Album der Progressive-Metal-Combo Dream Theater. Normalerweise ist das Quintett am besten, wenn es hart, schnell und komplex ist. Die beiden ersten Attribute sind in diesem Fall eher die Ausnahme.

Das mag man bedauern, aber man muss eben auch wieder einmal ganz genau hinhören, um die Stärken des Songwritings und der Arrangements zu entdecken. Die klassichen Einflüsse haben im Vergleich zu den Vorgänger-Alben meiner Meinung nach wieder zugenommen. Auffällig sind auch die Remineszenzen an Art Rock a la Yes und Pink Floyd (5 The Best of Times,6 The Count of Tuscany). Dazu kommen noch Zitate aus früheren Scheiben wie bei The Shattered Fortress (4).

Absolute Höhepunkte der Platte sind der Opener (A Nighmare to Remember) und The Shattered Fortress. Nummer 2 (A Rite of Passage) ist ein radiotauglicher Midtempo-Hammer. Wither (3) und The Best of Times lassen es eher ruhiger angehen. Dort erhält das Hymnische für meinen Geschmack etwas zu viel Raum. Der letzte Song (The Count of Tuscany) hat dann wieder das Epische und Abwechslungsreiche, was viele Dream Theater Fans an ihren Helden lieben.

Großartig ist aus meiner Sicht, dass neben der klassisch ausgebildten Stimme von James LaBrie, die auch schon einmal nerven kann, auch Drummer Mike Portnoy wieder ins Mikro gröhlen darf (Beispiel: Mittelteil von A Night to Remember). Das ergibt einen guten Kontrast und unterstützt die Wechsel von langsam und schnell, Moll und Dur, schräg und geradlinig.

Die Keyboards von Jordan Rudess sind ebenfalls wieder herausragend in Szene gesetzt. Die Klangteppiche dienen dem Zusammenhalt der Songstrukturen. Wenn er dann aber einmal losgelassen wird, dann zaubert er auch schon einmal ein derart abgefahrenes Solo aus den Boxen wie in A Rite of Passage. Mike Portnoy und Basser John Myung bilden eine Rhythmus-Einheit, wie sie sich West- und Ostdeutschland vielleicht wünschen, wahrscheinlich aber nie erreichen werden. Gitarrist John Petrucci kann zwar auch futteln – zum Großteil ordnet er sich aber brav den Songs unter. Auffällig sind die Gitarrensounds, die auch an die guten alten Zeiten des Hardrock und des Art Rock erinnern. Er kann’s auch bluesig.

Dass Dream Theater Anhänger dieser Musikrichtungen sind, wird besonders auf der zweiten Scheibe der 3 CD-Special-Edition deutlich. Sechs Cover-Songs hat das Quintett dort draufgepackt. Darunter Titel von Rainbow, Dixie Dregs, Queen und Iron Maiden. Dort manifestiert sich nochmals die ganze Spielfreude der Band, die auch nach 22 Jahren ungemindert scheint. Meine persönlichen Favoriten sind To Tame a Land von Iron Maiden und Stargazer von Rainbow. Die dritte Scheibe beinhaltet nochmal die Songs des neuen Albums als Instrumental-Versionen. Das dürfte vor allem jene freuen, denen James LaBrie und dessen Stimme irgendwann auf den Zeiger geht.

Bis auf Wither kommen die Songs wieder einmal smphonisch daher. Der Opener ist ein Gesamtkunstwerk in über 16 Minuten. The Count of Tuscany schafft es gar auf über 19 Minuten. Wer sich allein diese beiden Titel anhört, der merkt, dass die Krise nur ein Bestandteil des Lebens ist. Der Rest besteht aus Silberstreifen am Horizont.

Auf einer Skala von 1 (unterirdisch) bis 10 (intergalaktisch) bekommt die Scheibe 8 Punkte. Es fehlt mit etwas an Härte – und das Balladeske erhält zu viel Raum.

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