Die ersten Wochen sind vorbei. Marc ist jetzt sechs Wochen in der Schule. Irgendwie fühlt sich aber die gesamte Familie wie ein kollektiver Erstklässler.

Es ist ja nicht so, dass man sich erst bei Schuleintritt mit diesem Thema beschäftigt, ganz bestimmt nicht. Über Nachbarn, Bekannte, Freunde und Arbeitskollegen ist das Thema schon – ich möchte fast sagen – vor Jahren immer wieder nach oben gekommen, auch nicht erst mit der Schulanmeldung, die im Fall von Marc ja noch ungefähr ein Jahr vor Schulbeginn erfolgte. Heute muss man das Kind bereits im Frühjahr des Jahres vor dem Eintritt in der Schule vorstellen. Allerdings war all diese Beschäftigung mit dem Thema Grundschule – um da einmal ganz genau zu sein – nicht mit der Beschäftigung heute zu vergleichen. Der Unterschied: Früher war man Beobachter, heute sind wir involviert, natürlich auch ganz emotional.

Mit dem Phänomen Schule sind aber nicht nur die Eltern unmittelbar konfrontiert. Auch die Geschwister, seien sie noch so klein, bekommen schon einen Eindruck, davon, was es bedeutet, dass der große Bruder jetzt in die Schule geht.

Jetzt will ich aber erstmal bei mir bleiben. Und heute will auch erstmal nur ein Detail herauspicken. Mit Themen rund um die Schulorganisation werde ich mich sicher noch oft genug an dieser Stelle auseinandersetzen und auch zur Diskussion auffordern. Es soll hier ums Schreibenlernen gehen – ein sehr emotionales Thema, immer wieder.

Wer noch nicht so tief im Thema steckt, sei hier aufgeklärt: Die Kinder dürfen schreiben, was und wie sie hören. Ein Richtig oder Falsch gibt es da nicht. Die Kinder arbeiten mit einer Buchstabentabelle. Dort können sie die benötigten Lettern ablesen, gestützt durch Bilder von Gegenstände, die mit den jeweiligen Buchstaben anfangen. Für einen, der sich täglich mit Rechtschreibung, Grammatik, Sprachgefühl und Stil auseinandersetzt – sicher häufig recht, aber auch manchmal schlecht -, wirkt das ganz schön befremdlich. Dazu kommt die Ansage der Lehrkräfte, die Kinder vielleicht zu unterstützen, aber nicht in die objektiv richtige Richtung zu verbessern. Auch beim Buchstabieren muss man gehörig aufpassen, sonst sind „Fehler“ programmiert. Also bitte nur die Buchstabenlaute vorsagen und keine Buchstabenwörter wie „Bee“ oder „Haaa“ oder „Ess“. Harter Stoff, ehrlich.

Die aufgezeichneten Wörter, die mit dieser Technik herauskommen, sind großartig. Fast täglich könnte man Stilblüten auf den unterschiedlichen Arbeitsblättern in den unterschiedlichen Schnellheftern auftun. Vielleicht nur ein Beispiel: BNN heißt bei Marc Banane. Das Großartige an dieser Methode: Die Kinder können vom ersten Tag an Wörter schreiben, weil sie diese zusammensetzen, wie ein Gebäude aus Lego-Steinen. Das ist doch ein gutes Gefühl, eigentlich. Die Kehrseite der Medaille ergibt sich allerdings aus Gesprächen mit Lehrern von weiterführenden Schulen. Bei ihnen kommen nämlich Kinder an, die einfach nicht mehr die Kurve kriegen, um sich je ernsthaft mit Orthographie auseinander zu setzen. Die, platt gesagt, Schlauen und Pfiffigen werden sich durch intensive Auseinandersetzung mit der Materie Schrift und Sprache sicher im wahren Leben zurechtfinden und ihren Weg machen. Allerdings glaube ich auch, dass einige mit der herkömmlichen Lehrmethode eher auf Kurs zu bringen wären. Andere würden aber vielleicht auch früh die Lust am Schreiben und der Sprache verlieren, wenn sie sich nicht frühzeitig frei in dieser so reichhaltigen und bereichernden Welt von Schrift und Sprache bewegen könnten. Ich habe noch kein Urteil parat, wer ist schon so weit?

Ein anderes ebenfalls sehr emotionales Thema: Die Schreibschrift. Wir haben damals seitenweise irgendwelche Schwünge in solchen linierten Querheften geübt. Heute gibt es Druckbuchstaben, fertig. Meistens Großbuchstaben. Ich habe schon Leute gehört, die hier das Abendland untergehen sehen. Ich sehe das anders. Die Schrift formt sich irgendwie mit dem Leben. Hauptsache, die Kinder haben Spaß daran – entweder früh oder später als Jugendliche. Lesen sollte Dritte die Aufzeichnungen auch können. Aber das ist es dann schon auch. Disziplin und Ordnung können die Kinder auch in anderen Bereichen lernen, da braucht es keine Schönschrift.

So bin ich jetzt auch irgendwie wieder Erstklässler. Für mich ist das eine interessante Herausforderung. Ich glaube, ich kann noch viel lernen.

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