MonthFebruar 2013

Edelstein am Abend

Ganz oft behandele ich hier gar nicht die objektiv ganz großen Dinge. Ja, ich versuche deutlich zu machen, dass selbst in den ganz alltäglichen Begegnungen mit unseren Kindern wahnsinnig viel steckt. Insofern setze ich um, was in dem Elternkurs Kess erziehen als Edelsteinmoment bezeichnet wird. Es geht um einen Moment der ganz innigen Beziehung zum Kind, der durch Achtsamkeit und Zuneigung geprägt ist – und für beide Seiten wertvoll.

Wintertraining

Wintertraining

Gestern Abend habe ich Marc vom Fußballtraining abgeholt. Einmal in der Woche nehme ich mir die Zeit, einen Teil des Trainings der Buben anzuschauen. Interessant: Jetzt nach der Winterpause haben sich alle ziemlich stark weiterentwickelt. Das betrifft vielleicht nicht unbedingt die fußballerischen Eigenschaften. Aber eben das, was dazugehört, um Fußballspielen zu können. Kraft, Körperlichkeit, Beweglichkeit, Konzentration. Schon das allein hat mich sehr beeindruckt.

Noch dem Training war Marc sehr wach. Und er hat mich mit seinen Gedanken überrascht. „Papa, kennst Du das auch? Du wolltest gerade eine Frage stellen, aber in dem gerade laufenden Gespräch wurde die Frage kurz vor dem Moment gestellt, bevor Du gefragt hast. Und obwohl die Antwort schon gegeben wurde, hast Du die Frage trotzdem noch gestellt. Also die Frage ist schon im Gehirn und muss nur noch aus dem Mund raus.“ Das hat mir gut gefallen, ich musste schmunzeln und natürlich sagen, dass ich das kenne. Darüber, vor allem über den konkreten Fall, haben wir dann auf dem Heimweg, den wir in der Regel zu Fuß antreten, wodurch mehr Zeit für Kommunikation bleibt, noch länger gesprochen. Das war für mich ein Edelsteinmoment, der über die kurze Episode hinaus an diesem Abend gewirkt hat.

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„Ich will aufstehen“ oder: Wie gelassen kann ich bleiben?

Nachtruhe? Ausschlafen? Was soll das sein?

Okay, es gibt die Nächte, in denen ich wirklich zur Ruhe komme, „ungestört“ sechs Stunden am Stück schlafen kann. Es gibt sie, ganz selten, aber sie kommen vor.

Die letzte Nacht hätte beinahe dazuzählen können. Irgendwann ist zwar Tom aufgekreuzt, aber das ist schon so normal, dass es sich dabei gar nicht mehr um einen erwähnenswerten nächtlichen Zwischenfall handelt. In jedem Fall hat das erneut eine nächtliche Wanderung ausgelöst, von der ich allerdings nicht betroffen war.

Aber um 5 Uhr höre ich plötzlich Wortfetzen aus dem Nebenraum, das Licht geht an. „Runter“, „Aufstehen“, „Nein“, „Licht aus“. Nun gut, was da drüben abläuft, hat mit mir nichts zu tun. Falsch gedacht.

„Nora will runter, sie will aufstehen, sie will nur weiterschlafen, wenn Du zu ihr gehst.“ Okay, da bleibt mir wohl nichts anders übrig. Es ist 5.20 Uhr, es fehlt noch eine Stunde Schlaf.

Und natürlich gibt die kleine Frau neben mir keine Ruhe. Das zehrt an den Nerven, ehrlich. „Ich will runter.“ Dafür habe ich kein Verständnis und teile ihr meine Meinung ruhig aber bestimmt mit.

Und jetzt kommt der Hammer. Ich liege wach und vernehme, dass sie doch noch einmal in den Schlaf gekommen ist. Gerade wird es mir bewusst, da meldet sich auch schon der Wecker. Nora hat es tatsächlich geschafft genau in jenem Moment erneut einzuschlafen, als ich aufstehen musste. In einem solchen Moment machst du Bekanntschaft mit deinem Ich. Und ich bin stolz, dass ich so gelassen sein kann. Das macht Mut.

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Nur 15 Minuten

Ein Freund von Marc hat angerufen. Er hat gefragt, ob Marc Lust hat, zum Spielen vorbei zu kommen. Von 14.30 bis 16.45 Uhr. Die Schwester sei gar nicht mehr so krank wie gestern.

Marc ruft mich in der Arbeit an. Meine Frau ist noch unterwegs und nicht erreichbar. Meine Mutter, die bei den Kindern ist, will die Entscheidung nicht treffen. Das ist korrekt.

Klar, ich bin natürlich auf diese überfallartige Frage nicht vorbereitet. Im Gehirn rattert es. Die Informationen werden geordnet. Unsere Kinder waren kürzlich alle erst einigermaßen krank, insgesamt drei Wochen. Krank? Welche Krankheit? „Fieber, 40 Grad.“ Na ja, was soll’s. Muss ja nichts schief gehen. Marc ist auch ein klein wenig angeschlagen. Was nun, was tun? Das Gehirn rattert weiter. Was hätte Mama gesagt? Sie hätte meine Meinung hören wollen. Das Ergebnis schließlich: Marc, bleib‘ lieber daheim, zu unsicher das Ganze. Aber jetzt bin ich gefragt. Meine Entscheidung: Marc, geh‘ ruhig, pass‘ gut auf Dich auf. Aber bitte nur bis 16.30 Uhr. Das reicht. Dein Freund muss dann ja noch zum Fußballtraining.

Marc äußert Unmut. Ich: „Sei doch froh, dass Du gehen kannst. Jetzt sei doch wegen der 15 Minuten nicht sauer. Es sind doch nur 15 Minuten.“

Und dann wird deutlich: Mit fadenscheinigen und nicht besonders gut durchdachten Argumenten kommst Du schon bei dem achtjährigen Jungen nicht mehr sehr weit. „Ja, eben, es sind doch nur 15 Minuten. Dann kann ich die doch auch noch dort bleiben. Du sagst doch selbst, dass es nur 15 Minuten sind.“ Der Unmut ist geblieben. Und mir die Gedanken zu dieser Episode.

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Von Liebe und Entwicklung

Das kennt Ihr sicher auch. Wenn eure Kinder einmal etwas kränker waren und sie sich wieder auf dem Weg der Besserung befinden, stelle ich oft ein verändertes Verhalten fest. Manche sprechen auch von Reifung, um den Ganzen eine positive Tendenz zu verpassen. Gerade aus der Ecke der Impfgegner – nein ich will hier jetzt keine ideologisch geprägte Diskussion vom Zaun brechen – kommt dieser Hinweis, der als ein Grund für ihre Entscheidung angeführt wird.

Zuwendung beim Spiel.

Zuwendung beim Spiel. Tom spielt mit seinem Cousin.

Wir, ganz individuell, tun alles dafür, um Krankheiten unsere Kinder zu verhindern. Und doch kommt man nicht immer drumherum. Jetzt war gerade wieder eine solche Phase. Die Drei waren nacheinander krank. Es war wohl ein grippaler Infekt, der bis zu eine Woche Fieber bis zu 40 Grad im Gepäck hatte. Am stärksten und langwierigsten hat es Tom erwischt. Und tatsächlich lässt sich bei einem ein geändertes Verhalten feststellen.

Doch woher kommt dieser Effekt? Ich glaube nicht, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen Krankheitserreger und Entwicklungsschub gibt. Für mich liegt klar auf der Hand: Das Kind kann sich entwickeln, weil es während der Krankheit bedingungslose Zuwendung und Liebe erfährt. Ganz intuitiv reagieren Eltern, wenn ihre Kinder an einer Krankheit leiden. Die Bindung wird gestärkt. Auch Eltern gehen positiv entwickelt aus der Krankheit ihrer Kinder heraus. Das kommt von der intensiver erlebten Beziehung zum Kind.

Einen ganz kleinen Teil des Effekts schiebe ich darauf, dass auch das Kind unbewusst erlebt, dass es sich in schwierigen Situationen bewegen und diese vor allem überstehen kann, mit Unterstützung von außen zwar, aber auch die eigene Leistung von Geist und Körper wirkt nachhaltig.

Was bedeutet das? Entwicklung ist nur möglich durch Zuwendung, Zeit und Liebe. Es wäre doch schön, wenn wir nicht erst auf die nächste Krankheit warten würden, um den nächsten Schub zu erleben.

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