Obwohl ich ja jetzt auch schon in meiner zweiten Lebenshälfte bin, gibt es noch immer Ereignisse in meinem Alltag, die meine Weltsicht erschüttern, na ja, eher an ihr rütteln. Ihr merkt schon, ich nehme Anlauf für ein kritisches Thema.

Das Leben mit Kindern bietet viele heiße Phasen. Bei mehreren Kindern überlagern sich diese Phasen auch gelegentlich, was es kompliziert machen kann.

Besonders heiß sind Übergangsphasen: Eingewöhung Kita, Einschulung, Schulwechsel. Während Tom also nun seine ersten Monate in der Schule hinter sich hat und damit die Einschulungsphase langsam abgeschlossen ist, steht bei Marc der Schulwechsel an. Weiterführende Schule und so. Sein Bild ist recht klar, unseres eigentlich auch. So richtig schwierig ist es für uns zum Glück nicht, hier eine Entscheidung zu treffen – was noch nichts darüber aussagt, ob sie sich als bestmögliche Entscheidung herausstellt. Aber eine Entscheidung dieser Art müssen wir dann ja noch zweimal treffen – mal sehen, wie es dann wird.

Der Besuch der Info-Abende der in Frage kommenden weiterführenden Schulen ist dann aber doch Pflichtprogramm, selbst dann, wenn es nicht mehr viel zu überlegen gibt. So war ich denn gestern Abend vor Ort. Verantwortliche der Schule haben das Konzept und die speziellen Angebote der Schule erläutert. Gestern kam es mir doch sehr wie eine Werbeveranstaltung vor, beim vorherigen Abend dieser Art, den ich erleben durfte, hatte nicht ganz diesen Eindruck. Mehr Werbung war wohl nötig.

Fast alles dreht sich um die Frage G8 oder G9. Die schwarz-gelbe hessische Regierung hat sich aus ihrer Verantwortung gestohlen. Sie hat nicht zugegeben, dass die Einführung von G8 ein Fehler war, sondern die Verantwortung auf Schulen sowie Eltern und Kinder abgewälzt. Verkauft hat man das mit dem sinnlosen Kommentar: “Wir haben Wahlfreiheit für alle geschaffen.” Absoluter Blödsinn – und ein Paradebeispiel für unfähige Politiker. Schulen können also selbst entscheiden, ob sie die Kinder in acht Jahren oder in neuen Jahren zum Abi führen. Geschaffen wird ein Zwei-Klassen-Gymnasium mit allen erdenklichen Folgen. Das ist aber nur eine Randbemerkung.

Nachdenklich wurde ich nun gestern bei aller Werbung rund um G9 beim Thema “Soziales Lernen”. Auf der weiterführenden Schule wird es also eine Fortsetzung des Unterrichtsfachs “Soziales Lernen” geben, das kurzerhand in der Grundschule in unserem Dorf eingeführt wurde. Allerdings gibt es auf der weiterführenden Schule kein Unterrichtsfach dieses Namens. Vielmehr werden fallbezogen Klassen von einer Sozialpädagogin begleitet, wenn es Auffälligkeiten gibt. Im Prinzip ist das völlig in Ordnung.

Allerdings dachte ich immer, dass für das soziale Lernen und Verhalten die Eltern hauptverantwortlich sind. Klar, da gibt es sicher unterschiedliche Möglichkeiten in den verschiedenen Familien. Aber ist es nicht unsere Pflicht, unseren Kindern eine Haltung zu vermitteln, die spätestens in der weiterführenden Schule garantiert, dass Kinder untereinander und gegenüber den Lehrkräften einen sozialen Umgang pflegen können? Mir sind selbstverständlich Begriffe wie Mobbing und Bullying, auch unterstützt durch digitale Medien und soziale Netzwerke, bekannt. Alle Argumente, die jetzt gegen meine Einstellung gewendet werden, kenne ich. Gleichwohl muss ich sie hier nicht aufzählen.

Es ist schon bedenklich, wenn Schulen sich die Kinder erst zurecht legen müssen, um ihrer eigentlichen Aufgabe gerecht zu werden. Fragt hier jemand danach, warum das Leistungs- und Wissensniveau selbst bei Abiturienten aus unserer ach so aufgeklärten Erwachsenensicht für nicht besonders hoch gehalten wird? Die Antwort liegt unter anderem im vorherigen Satz.

Sind wirklich die Eltern in der Unterzahl, die sich der Herausforderung, den eigenen Kindern soziales Verhalten zu vermitteln, besser vorzuleben, stellen wollen und stellen? Wollen wir wirklich den Institutionen Kita und Schule und damit schließlich dem Staat diese Aufgabe übertragen? Ich traue den Profis vieles zu. Aber nicht, dass ein sie rein kapazitätsmäßig in der Lage sind, all die Aufgaben, die Eltern gern übertragen möchten (manchmal wohl auch müssen), annehmen und bewältigen können.

Also ich habe da noch ein paar Fragen. Die stelle ich dann nochmal zu einem späteren Zeitpunkt. So leicht lass ich mein Weltbild dann doch nicht erschüttern.

Linien nachdenklich

Linien und Kurven – Nachdenken.

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