Ich möchte diesem Blogpost einige Zeilen vorweg schicken. Ich habe kürzlich das Studium der Bildungswissenschaft an der Fernuni Hagen in Teilzeit begonnen. Ich habe nicht zu viel Zeit, keineswegs. Aber ich glaube, dass ich die Zeit, die ich habe, sinnvoll nutzen kann. Ich denke schon lange darüber nach, mit einem weiteren Studium meine Kompetenzen zu erweitern. Jetzt mache ich es einfach. Da die Bildungswissenschaft nah an meinem Leben dran ist, werde ich auch die eine oder andere Erkenntnis an dieser Stelle öffentlich in Beziehung zu meinem Leben, zu meinem Familienleben, setzen. Das Ganze hat auch noch den Vorteil für mich, dass ich mir durch die Anwendung das zu Lernende besser einprägen kann. Neben dieser eher theoretischen Geschichten, wird es aber auch weiter die nachdenklichen und unterhaltsamen Geschichten aus dem Alltag geben. Also bitte nicht flüchten. Ich versuche, verständlich zu bleiben – und vielleicht hilft die Darstellung der einen oder anderen Theorie auch anderen weiter. Los geht’s.

Die Entwicklung des Selbst.

Die Entwicklung des Selbst.

Der Entwicklungspsychologe Robert Kegan ist ein sehr schlauer Mann. Er hat die Welt mit seiner Theorie von der Entwicklung des Selbst bereichert. Leider sind die Erkenntnisse etwas in der Fachwelt stecken geblieben. Und dabei können die Erkenntnisse von Kegan beispielsweise von Eltern hervorragend zur Bewältigung des Familienalltags eingesetzt werden.

Mit der Geburt setzt beim Menschen eine Entwicklung ein, die zum Ziel hat, ein selbständig denkender und handelnder Mensch zu werden und dieses Denken und Handeln reflektieren und einordnen zu können. Dieses Ziel deckt sich mit dem Vorhaben der Eltern, durch ihr Tun und ihre Begleitung (nennen wir es Erziehung) genau dieses Ziel zu erreichen. Wir sehen uns als Unterstützer und Ermöglicher einer bestmöglichen Entwicklung unseres Nachwuchses. Da ist es doch gut zu wissen, welche Entwicklungsschritte er durchläuft.

Wir werden nach und nach eine Persönlichkeit, wir prägen unser Selbst aus. Dieses Selbst entsteht aus einer permanenten Auseinandersetzung zwischen dem Inneren und dem Äußeren, dem Menschnen und seinem Umfeld. Robert Kegan hat hierfür das Bild einer Spirale gewählt. Eine Spirale hat etwas mit Dynamik zu tun. Und selbstverständlich ist die Persönlichkeitsentwicklung etwas Dynamisches. Eine Spirale kann auch etwas Hierarchisches haben, sowie in dem Modell von Kegan. Ist eine Stufe erreicht, das ist ein Merkmal einer Stufentheorie, dann gibt es keinen Weg zurück. Zudem ist es die Regel, dass alle Stufen durchlaufen werden, um auf eine höhere Stufe zu gelangen. Übersprungen wird da selten etwas. Dynamisch ist das Modell vor allem deshalb, weil sich die Persönlichkeit in einem Wechselspiel von „ich will anders sein“ und „ich will dazu gehören“ bildet, komplizierter gesagt, Differenzierung und Integration.

Kegans Modell hat eine Nullphase und fünf weitere Stufen. Ich will hier nun nur auf die Stufen eingehen, die in unserer Familie im Moment relevant sind. Da ist die vierjährige Nora. Idealtypisch befindet sie sich in der impulsiven Phase. Sie kann als Kleinkind, im Gegensatz zu einem Neugeborenen oder Säugling, die Welt als getrennt von sich selbst erfahren. Sie kann diese auch manipulieren, sie kann ihren Willen durchsetzen und hat dafür ihre Methoden. Sie erfährt die Welt konkret und unmittelbar, sie nimmt sie wahr. Nora ist den Wahrnehmungen oder Impulsen ausgeliefert. Mit dieser Ausstattung und Weltsicht muss es auch zu Problemen kommen. Die Manipulation der Welt hat Grenzen. So sind wir als Eltern beispielsweise nicht immer jederzeit und überall verfügbar. Andere Personen erfüllen andere Rollen, nicht mit jedem kann man auf die selbe Art umgehen. Nicht bei jedem hilft dieselbe Strategie, um seinen Willen durchzusetzen. Das Umfeld hat die Aufgabe, die Grenzen aufzuzeigen. Es hilft auf dieser Stufe, die Loslösung der nächsten Stufe vorzubereiten.

Diese nächste Stufe wird in etwa im Alter des Schuleintritts erreicht. Es geht um die Stufe des souveränen Selbst. Wollte euer 5, 6 oder 7 Jahre altes Kind schon einmal ausziehen? Hat es ein Köfferchen mit den wichtigsten Utensilien gepackt, auf das es im Fall des Verlassens der heimischen vier Wände zurückgreifen kann? Um diese Art der Loslösung geht es. Schon mit dem Kindergarten vollzieht sich eine Änderung der Beziehung zur Familie und den Familienmitgliedern, doch bleibt sie hier noch rudimentär und unterentwickelt. Die Auseinandersetzung mit weiteren Menschen wird in der Schule bedeutsamer. Die neue Lebenswelt bringt eine Vielfalt neuer Beziehungsmöglichkeiten. Mit diesen Erfahrungen kommt es aber auch wieder zu einer neuen Integration in die Familie. Wir spüren, dass das Kind reifer wird, mit Aufgaben und Herausforderungen anders umgeht und uns schließlich auch anders begegnet. Wir spüren bei unseren Kindern ein eigenes Selbstbewusstsein. Tom ist gerade 7 geworden. Er ist in dieser Phase. Das Kind geht mit Wahrnehmungen und Impulsen um. Wir haben in dieser Phase die Aufgabe, das „Souveränwerden“ zu unterstützen. Das Kind braucht die Unterstützung, damit es sich bestmöglich mit den Aufgaben, die ihm das Leben nun in Form von Lernendürfen, Leistungsdruck und Wettbewerb stellt, auseinandersetzen zu können. Wir müssen unseren Kindern in dieser Phase Halt geben, ohne festzuhalten, wie es Kegan formuliert. Tom und seine Schulfreunde und Schulfreundinnen merken in dieser Phase, dass die anderen auch eine Persönlichkeit mit zugehörigen Interessen und Bedürfnissen haben. Es wird notwendig, für ein gutes und gelingendes Miteinander, alle Bedürfnisse aller optimal unter einen Hut zu bringen. Das klingt nicht nur nach Arbeit, es ist Arbeit.

Ein Ausgleich bzw. das Herstellen eines Gleichgewichts ist möglich, wenn unterschiedliche Rollen eingenommen werden. Das ist ein Merkmal der nächsten Stufe, hier geht es um die zwischenmenschliche Phase. Die Kinder und Jugendlichen auf dieser Stufe, ich denke, dass Marc mit seinen 9 Jahren schon deutlich auf dem Weg in diese Stufe ist bzw. sie teilweise schon erreicht hat, orientieren sich hier an ihren Beziehungen. Sie haben eine Erwartungshaltung an die anderen. Die Enttäuschung, mit der sich der junge Mensch konfrontiert sieht, führt nach Kegan in dieser Phase zu Rückzug und Trauer, weniger zu Wut und Ärger. Das ist wohl für die Pubertät ein wichtiger Faktor. Und zeigt, dass in dieser Zeit der sensible Umgang mit dem Kind von großer Bedeutung ist. Vor Enttäuschungen durch andere können wir unsere Kinder nicht bewahren. Wenn wir aber selbst Teil des Beziehungsgeflechts sind, dann schon.

Aber auch dieser Teil des Lebens ist nur eine Phase. Und dann geht es weiter. Der Weg von Stufe zu Stufe ist als Kontinuum zu sehen. Ich denke übrigens, dass die Übergangsphasen besonders sensible Phasen sind. Da ist Einfühlungsvermögen gefragt, und zwar von uns Erwachsenen. Wir haben die Mittel, okay, sollten sie haben. Die Kinder und Heranwachsenden bilden ihr Selbst über die Differenzierung zur Umwelt erst aus. Wir sind schon so weit.

Nun haben wir also drei Kinder unterschiedlichen Alters, die sich zudem auf unterschiedlichen Entwicklungsstufen befinden. Diese Entwicklung von drei Persönlichkeiten gleichzeitig zu erleben, ist hoch spannend. Ich will aber auch nicht verhehlen, dass es sich hier um Arbeit handelt. Doch die Auseinandersetzung mit den Theorie von Robert Kegan erklärt mir einige Dinge, die ich sonst nur beobachten kann und dann nicht immer verstehe. Vielleicht geht es ja dem einen oder anderen Leser ähnlich.

Der Stoff an sich ist so kurz vor dem jahreswechsel vielleicht nicht ganz einfach. Ich hoffe, dass der Spaß am Lesen nur ein wenig getrübt war ;-).

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