TagAufmerksamkeit

Was die Welt verdient

Dialoge während der Autofahrt können manchmal sehr interessant sein. Bei uns geht es in der Regel recht kommunikativ zu. Manchmal sind es Redebeiträge, die, sagen wir mal, nicht zu 100% in die Lebenswelt von Mama und Papa hineinpassen. Allerdings empfiehlt es sich immer, zumindest teilaufmerksam den Ausführungen aus dem Fond zu lauschen.

Die Kinder waren gestern mit mir bei der offiziellen Großveranstaltung zum Weltkindertag in Darmstadt unterwegs. Es gab viel zu erleben. Die Kinder wurden ordentlich aktiviert. Ich habe mit Vertretern vom Kinderschutzbund und anderen über unterschiedliche Themen gesprochen. Das Motto des Tages war sehr schön gewählt: „Zeit für Kinder“. Das ist ja auch eines meiner Themen und es ist gut zu sehen, dass es auch Thema vieler anderer Eltern ist.

Nachdem wir also unser Ständebesuchsprogramm absolviert hatten, ging es wieder nach Hause. Die Stimmung war gut, alle waren etwas erschöpft. So richtig wach wurde ich, als Marc etwas sehr Interessantes sagte. „Papa, die Welt hat es auch verdient, einmal zu sterben.“ Schwere, schräge Gedanken. Aber ich habe natürlich nachgehakt, um mehr zu erfahren. „Die Erde arbeitet schon so viele Jahrmillionen schwer. Wenn Bäume wachsen, ist es so als würden wir Zähne bekommen. Und das tut uns doch auch weh.“ Tom ergänzte: „Und das Gras ist wie die Haare.“ „Vielleicht gibt es ja schon andere Planeten mit Menschen“, sagte Marc dann noch. So komme dann eben jemand anderes an die Reihe.

Irgendwie klingt das Ganze dann doch plausibel. Alles, was Marc sagte, sagte er mit einer großen Ruhe. Es war keine Angst oder Furcht in seiner Darstellung. Jedes Ende beinhaltet einen Anfang. Wenn etwas vergeht, kann Neues entstehen. So kennen wir die Sätze.

Ich war jedenfalls froh, dass ich in diesem Moment nicht nur teilaufmerksam, sondern sehr aufmerksam war. Und dass ich die Ruhe besessen habe, ernsthaft und interessiert nachzufragen. Für mich war das ein wahrlich wertvolles Gespräch, indem ich etwas über die Welt und meine Kinder gelernt habe.

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Die schweren ersten Tage im Kindergarten

„Ich will nicht Kindergarten, in Bickenbach bleiben!“ Nora klingt sehr verzweifelt, ja verängstigt, wenn sie diese für Erwachsenenohren recht lustige Stellungnahme abgibt.

Für sie ist Bickenbach ihr Zuhause, ihr Heim, ihr Revier. Bickenbach ist das Haus, in dem sie bislang einen großen Teil ihrer Zeit verbrachte, dort fühlt sie sich geborgen – und nur dort. Dass die Kita aus Erwachsenensicht auch in Bickenbach liegt, ist ihr egal. Ihr ist auch egal, dass liebevolle Erzieherinnen sich intensiv um sie kümmern in der Kita. Die ersten Wochen für ein Kind im Kindergarten sind einfach schwierig, vielleicht sogar psychisch brutal.

Ein Glubschi/Glupschi als Freund

Ein Glubschi/Glupschi als Freund

„Ich will nicht Kindergarten, nicht Kindergarten.“ Wieder weint Nora schon kurz nach dem Aufstehen. Was ist ihr Problem (eines ihrer Probleme)? „Angst vor den Kindern!“ Das ist eine ihrer Antworten. Sie hat Angst, sie ist im Stress. Nora wird in zwei Wochen drei Jahre alt. Sie hat also das Kindergarteneintrittsalter erreicht. Sie kann verbal Gefühle erläutern.

Kinder, die schon mit zwölf Monaten oder etwas früher oder eben auch etwas später in die Fremdbetreuung kommen, können das nicht. Die Standardgefühlsäußerungen werden von uns Eltern dann gern mit solchen Sprüchen abgetan: „Da muss sie halt durch. Sie wird sich schon daran gewöhnen. Es geht halt nicht anders.“

Auch Nora wird sich an den Kindergarten gewöhnen. Dennoch müssen wir alles tun, ihre Sorgen und Ängste ernst zu nehmen. Ich will hier ein weiteres Mal ein Plädoyer für die Sicht des Kindes anbringen. Natürlich haben wir als Eltern unser Leben, unsere Verpflichtungen, unsere Zwänge. Wir haben aber auch Freiheiten.

De Kinder benötigen in diesem Prozess unsere Unterstützung, die sich in Liebe, Hingabe und Aufmerksamkeit äußern muss.

Interessanterweise sind dazu auch schon andere, etwas größere Kinder fähig. An dem Tag, als Nora, das erste Mal eine Stunde allein im Kindergarten war, ohne die Präsenz von Mama, hat Marc Nora seine Zuneigung gezeigt, indem er sie gelobt und geherzt hat. Er ging sogar soweit, ihr von seinem Taschengeld ein Glubschi zu kaufen. Nora liebt ihren neuen kleinen Freund. Bisher hat sie sich nicht auf ein Kuscheltier fokussiert. Jetzt hat sie einen kleinen stillen Partner, durch den sie ihre Lieben in fast allen Situationen ganz nah bei sich haben kann.

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Asymmetrisch

Neulich waren wir das erste Mal zu fünft aus dem Haus. Wir haben uns mit Kinderwagen direkt ins Getümmel gestürzt. Kindertag im Nachbarort Seeheim. Viele Angebote für Kinder, viele Kinder.

Neu an der Situation zu fünft ist vor allem, dass man nicht mehr zu viert ist. Klingt banal, ist es nicht. Vorher waren es zwei Große, die sich die Aufsicht der zwei Kleinen geteilt haben. Jetzt sind es eben drei Kleine.

Wir schlendern also durch die Gegend. Marc hat zu einem Vortrag ausgeholt und mich verbal schwer in Beschlag genommen. Verantwortungsdiffusion. Nadja schiebt ja nur den Kinderwagen, sie wird schon auf Tom aufpassen. Aber auch ein Kinderwagen und vor allem das darin liegende Kind bindet Aufmerksamkeit. Ausgerechnet der kleine Wilde und Eigenen-Weg-Geher verschwindet aus unserem Bewusstseins- und schließlich auch Blickfeld.

Tom war einfach weg, wie vom Erdboden verschluckt. Marc rief schon ganz panisch: „Mein Bruder ist verschwunden“, Nadja war auch mehr als unruhig und ich flitzte wie aufgezogen erstmal in die Richtungen, in denen die Hauptstraßen nicht weit waren. Hoher Puls.

Ein Jugendlicher sagte schließlich, er habe einen herrenlosen Jungen gesehen. Und zwar ganz in der Nähe des Punktes, an dem sich unsere Wege unbeabsichtigt getrennt hatten. Herzschlag beruhigt sich.

Zwei Erkenntnisse haben wir gewonnen. Erstens: Wahrscheinlich bewegen sich Kinder gar nicht so weit von einem weg – und schon gar nicht so schnell – wie man es vermutet. Zweitens: Es ist eine ganz neue Situation, zu fünft unterwegs zu sein. Daran müssen wir uns erst noch gewöhnen. Und die Aufmerksamkeitsverteilung muss in der nächsten Zeit sicher noch lauten: 75% Tom, 20% Marc und 5% Nora.

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