TagLernen

Das Geschwafel von objektiv und subjektiv

Als ich gestern Abend das Haus verlassen habe, war mein Pulli feucht auf der linken Schulter. Marc war eigentlich schon im Bett. Das Zu-Bett-Bringen ist alles andere als optimal verlaufen. Er kam nochmal runter, um mich erneut mit seinem Vorwurf zu konfrontieren. Wir würden immer sagen, dass Tom alles besser kann als er.

Auslöser war ein ganz banales Ereignis. Ich habe bis 20 gezählt, damit sich die beiden rasch ihr Schlafgewand anziehen. Das erste Mal seit gefühlt Jahrzehnten war Tom schneller als Marc. Das habe ich dann auch so erwähnt, okay ich habe es betont, ihn gelobt – und schon setzte der Tränenfluss ein.

Mein erster Gedanke: Es ist objektiv falsch, was Marc da behauptet, das Gegenteil ist der Fall. Ganz objektiv. Und schon arbeitet mein Gehirn an der entsprechenden Argumentationskette ein. Das Gefasel von objektiv und subjektiv, was ein Kind gar nicht verstehen kann. Das Aufzählen von Fällen, in denen es nicht so ist, wie von ihm behauptet. Gegen die Emotion setze ich eine Wand von kognitivem Wahnsinn. Das Ergebnis: Frontalzusammenstoß. Eine verfahrene Situation mit keiner Aussicht auf Lösung. Irgendwann wollte ich dann auch nicht mehr. Ich war auf dem Sprung und schließlich sauer auf Marc, der mich nicht verstehen wollte.

Falsch: Er konnte mich nicht verstehen. Seine Verletztheit, Betroffenheit ist eben nicht objektiv. Sie ist so subjektiv, wie etwas nur subjektiv sein kann. Er hat in diesem Moment diese Empfindung, die er sonst vielleicht auch manchmal hat. Und wenn er diese Empfindung hat, dann habe ich sie ernst zu nehmen. Das erfordert dann eine andere Reaktion. Später sind mir dann erst diese Gedanken gekommen. Einen Tick zu spät. Aber nicht zu spät, um es beim nächsten Mal bei einem der Kinder nicht besser machen zu können. Ich versuche zu lernen, täglich, in jeder Minute.

Kurz bevor ich aus dem Haus ging, kam Marc also noch einmal die Treppe herunter. Mit Vorwürfen. Aber es war auch ein Versöhnungsangebot. Und er hat den ersten Schritt gemacht. Das war ganz groß.

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Der Aufpass-Zyklus

Der Alltag mit den Kindern ist so dynamisch – da bekommt selbst das geschulteste Gehirn Probleme, sich an Ereignisse zu erinnern, die bereits eine geraume Zeit zurückliegen. Wie war es denn, als die jetzt schon etwas größeren Kinder immer mobiler wurden? An den ersten Schritt erinnern sich noch viele Eltern. Wann aber – und vor allem wie – haben die Kinder das erste Mal Treppen bestiegen (in unbeobachteten Momenten) oder wann sind sie zum ersten Mal selbstständig aufs Sofa geklettert?

Nora hat jetzt, mit rund 17 Monaten, kein Verständnis mehr dafür, sich auf den Boden zu setzen, während der Rest der Familie selbstverständlich auf Sofas, Sesseln und Stühlen Platz nimmt. Also nutzt sie jede Gelegenheit, um vor allem aufs Sofa zu klettern. Ich habe wirklich keinerlei Erinnerungen mehr daran, wie das die Jungs angestellt haben. Vielleicht haben sie erst viel später den eigenmächtigen Aufstieg auf die Sitzmöbel geprobt. Zu einem Zeitpunkt, als man sich einfach keine Sorgen mehr um die machen musste.

Nora ist kürzlich also prompt vom Sofa gefallen. Natürlich auf den Kopf und natürlich auf den harten Parkettboden. Zum Glück ist nichts Schlimmeres passiert. Auf jeden Fall haben wir gemerkt, dass wie mit den Jungs viel früher und häufiger geübt haben, mit den Füßen zuerst und rückwärts Stufen hinabzusteigen – oder eben auch das Bett oder das Sofa zu verlassen. Das ist eine absolut empfehlenswerte Übung. Die Kinder lernen schnell, wenn man es nur oft genug mit ihnen probiert.

Der Entwicklungsdrang von Nora hat natürlich Konsequenzen. Wir können wie nun nicht mehr für mehrere Minuten unbeaufsichtigt in einem Raum lassen. Selbst unserer Nebenerwerbsaufpasser können mit den Kletterkünsten der Kleinsten schnell überfordert sein. Auch wenn die Jungs anschlagen und uns rufen, kann ein Sofaausflug schnell auf dem harten Boden enden – manchmal sind Teppiche doch nicht so schlecht.

Damit sind wir im Aufpass-Zyklus wieder eine Runde weiter. Zuerst passt Du auf. Dann werden Kind und Eltern routiniert, weil sie die Situation sehr gut einschätzen können. Doch dann entwickelt sich das Kind doch tatsächlich weiter – und alles fängt wieder von vorn an. Ich habe mir sagen lassen, dass dieser Zyklus bis ins hohe Alter relevant bleibt.

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Auch ich bin wieder Erstklässler

Die ersten Wochen sind vorbei. Marc ist jetzt sechs Wochen in der Schule. Irgendwie fühlt sich aber die gesamte Familie wie ein kollektiver Erstklässler.

Es ist ja nicht so, dass man sich erst bei Schuleintritt mit diesem Thema beschäftigt, ganz bestimmt nicht. Über Nachbarn, Bekannte, Freunde und Arbeitskollegen ist das Thema schon – ich möchte fast sagen – vor Jahren immer wieder nach oben gekommen, auch nicht erst mit der Schulanmeldung, die im Fall von Marc ja noch ungefähr ein Jahr vor Schulbeginn erfolgte. Heute muss man das Kind bereits im Frühjahr des Jahres vor dem Eintritt in der Schule vorstellen. Allerdings war all diese Beschäftigung mit dem Thema Grundschule – um da einmal ganz genau zu sein – nicht mit der Beschäftigung heute zu vergleichen. Der Unterschied: Früher war man Beobachter, heute sind wir involviert, natürlich auch ganz emotional.

Mit dem Phänomen Schule sind aber nicht nur die Eltern unmittelbar konfrontiert. Auch die Geschwister, seien sie noch so klein, bekommen schon einen Eindruck, davon, was es bedeutet, dass der große Bruder jetzt in die Schule geht.

Jetzt will ich aber erstmal bei mir bleiben. Und heute will auch erstmal nur ein Detail herauspicken. Mit Themen rund um die Schulorganisation werde ich mich sicher noch oft genug an dieser Stelle auseinandersetzen und auch zur Diskussion auffordern. Es soll hier ums Schreibenlernen gehen – ein sehr emotionales Thema, immer wieder.

Wer noch nicht so tief im Thema steckt, sei hier aufgeklärt: Die Kinder dürfen schreiben, was und wie sie hören. Ein Richtig oder Falsch gibt es da nicht. Die Kinder arbeiten mit einer Buchstabentabelle. Dort können sie die benötigten Lettern ablesen, gestützt durch Bilder von Gegenstände, die mit den jeweiligen Buchstaben anfangen. Für einen, der sich täglich mit Rechtschreibung, Grammatik, Sprachgefühl und Stil auseinandersetzt – sicher häufig recht, aber auch manchmal schlecht -, wirkt das ganz schön befremdlich. Dazu kommt die Ansage der Lehrkräfte, die Kinder vielleicht zu unterstützen, aber nicht in die objektiv richtige Richtung zu verbessern. Auch beim Buchstabieren muss man gehörig aufpassen, sonst sind „Fehler“ programmiert. Also bitte nur die Buchstabenlaute vorsagen und keine Buchstabenwörter wie „Bee“ oder „Haaa“ oder „Ess“. Harter Stoff, ehrlich.

Die aufgezeichneten Wörter, die mit dieser Technik herauskommen, sind großartig. Fast täglich könnte man Stilblüten auf den unterschiedlichen Arbeitsblättern in den unterschiedlichen Schnellheftern auftun. Vielleicht nur ein Beispiel: BNN heißt bei Marc Banane. Das Großartige an dieser Methode: Die Kinder können vom ersten Tag an Wörter schreiben, weil sie diese zusammensetzen, wie ein Gebäude aus Lego-Steinen. Das ist doch ein gutes Gefühl, eigentlich. Die Kehrseite der Medaille ergibt sich allerdings aus Gesprächen mit Lehrern von weiterführenden Schulen. Bei ihnen kommen nämlich Kinder an, die einfach nicht mehr die Kurve kriegen, um sich je ernsthaft mit Orthographie auseinander zu setzen. Die, platt gesagt, Schlauen und Pfiffigen werden sich durch intensive Auseinandersetzung mit der Materie Schrift und Sprache sicher im wahren Leben zurechtfinden und ihren Weg machen. Allerdings glaube ich auch, dass einige mit der herkömmlichen Lehrmethode eher auf Kurs zu bringen wären. Andere würden aber vielleicht auch früh die Lust am Schreiben und der Sprache verlieren, wenn sie sich nicht frühzeitig frei in dieser so reichhaltigen und bereichernden Welt von Schrift und Sprache bewegen könnten. Ich habe noch kein Urteil parat, wer ist schon so weit?

Ein anderes ebenfalls sehr emotionales Thema: Die Schreibschrift. Wir haben damals seitenweise irgendwelche Schwünge in solchen linierten Querheften geübt. Heute gibt es Druckbuchstaben, fertig. Meistens Großbuchstaben. Ich habe schon Leute gehört, die hier das Abendland untergehen sehen. Ich sehe das anders. Die Schrift formt sich irgendwie mit dem Leben. Hauptsache, die Kinder haben Spaß daran – entweder früh oder später als Jugendliche. Lesen sollte Dritte die Aufzeichnungen auch können. Aber das ist es dann schon auch. Disziplin und Ordnung können die Kinder auch in anderen Bereichen lernen, da braucht es keine Schönschrift.

So bin ich jetzt auch irgendwie wieder Erstklässler. Für mich ist das eine interessante Herausforderung. Ich glaube, ich kann noch viel lernen.

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